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Die Freiheit…

…ist das Einzige was zählt.

Denn die Freiheit bedarf  eines ausgeprägten Sinn für Verantwortung, sie bringt demnach auch das  Gefühl der Sorge um das Befinden Anderer mit sich, führt  also auch zur  Solidarität. Ich bekenne mich zu dieser sozialliberalen  politischenStrömung

Wenn ich mir die Frage stelle, was unsere Gesellschaft zusammenhält, wie sie erbaut wurde und wie sie sich weiterentwickelt, kreisen meine Überlegungen immer wieder auf um diese drei Begriffe: die Freiheit, die Verantwortung und die Toleranz.

Freiheit, Verantwortung und Toleranz

Ich möchte meine Gedanken zur Freiheit hier mit euch zu teilen. Ich durchquere oft ganz Belgien, mehr und mehr auch Europa, und ich habe oft das Gefühl, einer Minderheit anzugehören. Nicht etwa,  weil ich aus Eupen stamme oder weil ich eine deutschsprachige Belgierin bin und somit einer Minderheit in meinem Land angehöre.

Ich bin überzeugt, dass die Freiheit das Wichtigste für unser Zusammenleben ist. Einzig die Freiheit gibt unserer Gesellschaft eine Kultur und eine Substanz.

Jedoch habe ich regelmäßig das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft für viele Personen vor allem die materielle Wahrnehmung unentbehrlich ist.

Ich habe nichts gegen den Besitz oder die materiellen Sicherheit. Das alles ist sehr erfreulich und besonders für diejenigen, die durch Wirtschaftskrisen, durch tragische Ereignisse oder wegen eines Krieges schon einmal die Erfahrung von Enteignung oder Mittelosigkeit machen mussten.

Geboren in den 80er-Jahren, war ich Zeugin – wenn auch noch sehr jung –, dass die Deutschen auch für ihre Freiheiten kämpfen können und sie sie liebe. Und das obwohl manche 40 Jahre lang ein System akzeptierten, ihm minimale Treue und Loyalität entgegengebracht hatten.

Was führt einem Volk dazu, sich zu einem gegebenen Zeitpunkt zu erheben? Wie kommt es, dass aus ein paar Außenseitern plötzlich eine kritische Masse entsteht, die fähig ist, ein System zu verändern?   

Diktaturen können lange bestehen, sehr lange

Es gibt zum Beispiel noch kommunistische Diktaturen in Kuba oder Nordkorea, oder auch Despoten und Diktaturen in Afrika und Asien. Diese Diktaturen überleben noch, weil die kritischen Massen, die auf die Straßen gehen und mit Nachdruck Selbstbestimmung fordern, ganz einfach fehlen.

Nehmen wir das Beispiel der DDR. Das System ist nicht etwa implodiert oder der Wille eines gewissen GORBATCHOV hat nicht etwa zum Sturz dieses Regimes geführt, aber die zahlreich skandierten Worte haben den Unterschied gemacht. Worte, die sich – wenn sie in Frankreich ausgesprochen worden wären – zweifelsohne in jeder Klasse, an jedem öffentlichen Ort wiedergefunden hätten…

« Wir sind das Volk »

Dieser kleine Satz beweist mir, dass wenn wir unserem Willen nach Freiheit und Selbstbestimmung  vertrauen, wir  unsere Ängste überwinden, wir frei werden. Eine Angst, die der Diener eines jeden illegitimen Regimes ist, eine Angst, die uns aber auch vereinen kann.  

Aber wenn wir unsere Ängste bekämpfen, sie beim Namen nennen und wir erkennen, dass die Angst und die Verinnerlichung eng miteinander verbunden sind, vielleicht sind wir dann bereit zu entdecken, wie das Leben ohne Angst und Gleichschaltung sein könnte. 

Wir entdecken dann, dass wir in uns eine Kraft haben, die eine gesamte Gesellschaft verändern kann.

Wir haben in uns die Kraft, die eine gesamte Gesellschaft verändern kann

Ich denke, dass die Praktik der Freiheit sich unterschiedlich auszeichnet.

Wir suchen nach einer Variante der Freiheit, die man nicht fürchten muss, da sie sonst nur anarchistisch wäre, wir suchen eine Freiheit, die nicht nur die Unveräußerlichkeit und die Revolte oder lediglich die Befreiung von irgendetwas kennen würde.

Wir streben eine Freiheit an, wie sie uns unzählige Philosophen nahe gelegt haben: Frei sein FÜR etwas.

Oder auch Frei zu sein etwas zu machen.

Das ist natürlich nichts was ich erfunden habe…  Ich habe dies (Emmanuel KANT zum Beispiel) während meines Studiums schon lesen und lernen dürfen. Und genau dieser Ansatz der Freiheit, d.h. frei sein FÜR etwas zu sein, frei etwas zu machen, scheint mir auch der schwierigste zu sein. 

 Wenn wir erstmal die Freiheit erlangt haben, uns erstmal von unseren Ketten, unserer Allianzen, unserer Bezugssysteme gelöst haben und nach langem rachsüchtigen Ringen, nach langen Kämpfen, starken und scharfen Worten erstmals alles erhalten, was uns an die Freiheit bindet.

Sind wir erstmal frei

Wie bleiben wir es? Wie wissen wir zu was  wir im Stande sind? Wie entscheiden wir wofür es sich zu kämpfen lohnt? Wie verstehen wir die Freiheit, die nun unser ist?

Obwohl viele es als Aufgabe ansehen, diejenigen zu kritisieren und kontrollieren, die uns regieren, gibt es nicht viele, die zumindest einmal ansatzweise an die Möglichkeit denken, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Entweder, weil sie sich nicht dazu erzogen fühlen, es zu tun, oder weil die Machtausübung weiterhin eine negative Konnotation hat.

Es stellt die Unfähigkeit dar vom Streben nach Freiheit in die Gestaltung der Freiheit überzugehen.

Wenn wir die Freiheit erleben durften, aber noch nicht die Fähigkeit haben, Frei zu sein FÜR etwas oder frei zu sein etwas zu machen.

Und plötzlich nehmen diejenigen, denen wir noch gar nicht oder wenig vertrauten die Macht ein und entscheiden…

Die Ausübung der Freiheit ist keine Fähigkeit, die lange oder lästige Studien verlangen. Die Ausübung der Freiheit setzt den Willen voraus „JA“ zu den Möglichkeiten, die sich ergeben, um teilzunehmen und beizutragen, zu sagen.

Wenn wir uns so verhalten, dass wir unsere persönlichen und individuellen Fähigkeiten mit den Möglichkeiten, die sich uns ergeben, in Einklang bringen, dann können wir dies Verantwortung nennen.

Die ausgereifte Freiheit ist die Verantwortung…

Unsere Fähigkeit verantwortlich zu sein ist nicht etwas, was uns beigebracht oder durch die Philosophie oder Politik auferlegt wurde, sie ist vielmehr ein fester Bestandteil des menschlichen Zustandes.

Wir verlieren uns selbst, wenn wir nicht die Fähigkeit haben unsere Freiheit zu begreifen.

Natürlich leben wir diese Wahrnehmung der Freiheit durch Verantwortung nicht alle gemeinsam und zur gleichen Zeit. Wir leben sie nicht wie etwas, das unsere Existenz verändert aber Schritt für Schritt können wir in diese Form der Selbstbestimmung gehen.

Diese Übernahme von Verantwortung, die vollständige Ausübung der Freiheit erlaubt es auch, je nach Erfahrung, das Glück zu finden.

Wenn sich jedoch unser Streben nach Freiheit und Glück in einer Fantasiewelt wiederfindet, die leider nie dort ist, wo wir uns befinden, bleiben wir enttäuscht, ja ….wir sind sogar frustriert.

Zahlreich sind auch diejenigen, die eher an das Schicksal glauben. Weder die Freiheit noch Verantwortung würde uns Glückseligkeit bringen.

Wir bleiben dann hungrig, bleiben unbefriedigt.

Das Glück befindet sich seltsamerweise dort, wo wir in gegenseitiger Unterstützung, in Interaktion und in Verantwortung leben. Ich persönlich denke, dass diese Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen inhärent ist und einem auch ein Gefühl von Glück vermitteln kann. Dieses Glück befindet sich manchmal in den ganz kleinen Dingen des Lebens.

Zum Beispiel bei den freiwilligen Feuerwehrleuten, die ihre Freizeit opfern, um zu lernen, andere Leben zu retten oder aber diejenigen, die Vorlesungen für blinde Leute organisieren, Personen, die Freizeit für Menschen gestalten, die weniger Glück haben  als wir. Die Genugtuung, die sie erfahren, wenn ein Feuer gelöscht wird, ein Leben gerettet wird, ein Buch vorgelesen wird, ein Fußballturnier organisiert wird, bringt einem zum Lächeln und anderen eine schöne Zeit…

Selbst die Facebooknutzer, zu denen ich ebenfalls gehöre, hoffen auf Interaktion und streben danach einer Gemeinschaft anzugehören…

Jedoch, in Interaktion sein und einer Gemeinschaft anzugehören sagt nicht aus, ob unsere persönliche und politische Handlung einer gerechten Sache dient, ob sie vernünftig ist oder ob dazu bestimmt ist Erfolg zu haben oder ob sie auf schlechte naive Erfahrungen basiert.  

Gleichgültigkeit bedeutet nicht gleich Toleranz

Ich denke nicht, dass derjenige der auf alles mit Gleichgültigkeit reagiert ein Beispiel von Toleranz ist. Gleichgültigkeit ist kein Synonym von Toleranz. Gleichgültigkeit ist eher ein Synonym für Unverantwortlichkeit. Einige denken, dass wenn sie keine Meinung haben, auch keinen stören würden. Einige politische Verantwortliche versuchen selbst, so eine liberale Haltung zu definieren…

Ich denke nicht, dass wir der Toleranz dienen, wenn wir unser Profil aufgeben oder verflüssigen. Ganz im Gegenteil, wir müssen regelmäßig unsere Werte, die uns antreiben zusammen zu agieren, und unsere persönlichen Überzeugungen in Frage stellen.

Ich denke auch nicht, dass es für die Toleranz schädlich wäre, wenn wir wiederholt hinterfragen, welche Werte für unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben wichtig sind und wir lernen, sie regelmäßig neu zu schätzen.  

Die Toleranz verliert nicht ihre Kraft, wenn wir die Menschenrechte, die mit der Zeit weiterentwickelt wurden, verteidigen, wenn wir uns, zum Beispiel, an die Ausführungen der Vereinten Nationen richten oder an zahlreiche anderen Konventionen halten, die die individuellen Rechte oder den Schutz von Flüchtlingen, der Genozidvorbeugung oder Geschlechtsdiskriminierung regeln und verteidigen.

Beinahe alle Staaten der Welt sind, nach schmerzhaften Erfahrungen, nach zahlreichen nationalistischen Verherrlichungen, nach religiösem und ideologischem Fanatismus, durch diese Grundrechte vereint.

Die universellen Rechte sind ein gemeinsames Erbe der Menschheit geworden und wir müssen mit den kommunistischen, islamisch fanatistischen oder despotischen Staaten reden und die besagten Rechte mit Nachdruck verteidigen…

Europa bleibt, trotz der zahlreichen Krisen die es durchlebt, der Kontinent und eine Völkerunion, den vielen Männern und Frauen der gesamten Welt gerne erreichen würden, andere Bevölkerungen, wie beispielsweise die Ukrainer, sich gerne anschließen würden und zu der viele Menschen, die nicht die Freiheit, die Demokratie und die Menschenrechte kennen, hin flüchten. Eine Region der Welt, die sie oftmals nie erreichen werden.

Wieso berücksichtigen wir nicht, wie einst der tschechische Ministerpräsident Vaclav HAVEL sagte, dass die Unterdrückten dieser Welt die universelle Sprache der Menschenrechte überall verstehen?

Sie verstehen instinktiv, was die Menschenrechte und dessen Respekt für sie bedeuten würden. Nur die Unterdrücker und die Fundamentalisten, die die Männer und Frauen von ihnen abhängig halten wollen, behaupten, dass unsere Kultur der Universalität und der Menschenrechte unnatürlich wäre.

Selbstverständlich gibt es in unserer Demokratie und unserer Marktwirtschaft schwächen. Wir wissen, dass unser System nicht perfekt ist und es sich noch verbessern muss, ständig weiterentwickeln muss, aber es auch fähig ist, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Osteuropa, Teile Afrikas und Asien, haben kein neues demokratisches System entwickelt. Sie haben sich vielmehr größtenteils an unserem Modell bedient. Das lässt mich schlussfolgern, dass, wenn wir die politische Freiheit gestalten wollen, nicht wirklich andere Varianten zur Verfügung stehen.

Ich persönlich kenne keine Variante.

Natürlich hat es bereits andere Varianten gegeben, beispielsweise das marxistische Regime, wo Einzelpersonen dem Kollektivs unterstanden.

Deswegen konnten sich solche Systeme nicht behaupten, denn sie brachten weniger Freiheit, weniger Wohlstand, weniger juristische Sicherheit und weniger Prosperität. Und für mich gibt es keinen Grund eine neue „anti-kapitalistische“ Systemvariante herbeizuführen.

Wir müssen natürlich auch kritisch mit dem « kapitalistischen » System sein, sowie wir es für all die anderen politischen oder religiösen Strömungen sind. Es muss debattiert werden, ob ein konservatives, ein liberales oder ein linkes Modell am besten zur sozialen Marktwirtschaft passt oder bessere Lösungen für zukünftige Krisen bietet.

Aber wer denkt, dass die Abwendung der Bevölkerung nur in unseren « kapitalistischen Ländern » stattfindet, ist entweder blind oder ideologisch geblendet.

Wir haben Länder gekannt, die keinen einzigen Reichtum besaßen, aber wo die Abwendung der Öffentlichkeit deutlich Größer war als bei uns. Eines ist sicher. Wir sind nicht alleine und nicht durch unsere Rolle in der Wirtschaft bestimmt. Was für die Qualität des Bürgers bestimmend ist, ist die Möglichkeit seiner Teilnahme an der Machtausübung.

Wir müssen unsere demokratische Gesellschaft dazu führen, dass sie die Fähigkeiten besitzt, die anstehenden Herausforderungen zu meistern.

Denn nur wenn wir unsere Freiheit lieben, wenn wir sie benutzen und sie anwenden, können wir zufrieden sein und uns gegenseitig helfen. Unser Gewissen, die Fähigkeit unsere Zukunft zu gestalten, muss selbstverständlich von den Fehlern, die die vergangenen Generationen gemacht haben, lernen.

Ich wünsche mir, dass sich unsere Gesellschaft in toleranter Art und Weise, ihren Werten bewusst, aber vor allem aus Liebe zur Freiheit entwickelt und sie nicht vergisst, dass die Freiheit der Erwachsenen die Verantwortung ist.

Kattrin JADIN, 2018